Umgang mit dem Trauma
Primäre Lebensorganisation
Modell des psychischen Apparates
Der Taugenichts von Eichendorff
Das Mþrchen von der Unke
Giftmischerin Adelbert von Chamisso
Mona Lisa Interpretation
Mona Lisa Anschauung
Publikationen Hans Holderegger
Das Glück des verlorenen Kindes
Rezensionen Hans Holderegger
Inhaltsverzeichnis Buch 'Das GlYck des verlorenen Kindes'
'Der Umgang mit dem Trauma' Hans Holderegger
Rezensionen 'Der Umgang mit dem Trauma'
Inhalts-Verzeichnis 'Der Umgang mit dem Trauma'
Fachartikel Dr. Hans Holderegger
Dr. Hans Holderegger

Mit der "Giftmischerin" von Adelbert von Chamisso greife ich im vierten Teil des Buches, nochmals ein Thema auf, das in der Standpunkterläuterung (21/22) einen wichtigen Platz einnimmt: die potentielle Gespaltenheit der menschlichen Psyche und die eminente Bedeutung, die der Konstituierung des Selbst- und Ich-Bewußtseins zukommt. Der Kampf gegen den Untergang der Person nimmt im Leben von Chamissos Giftmörderin eine solch extreme Form an, daß sie sich gegen ihre eigenen Kinder und damit gegen die Urgesetze der Bindung, also gegen eine grundlegende Motivation der primären Lebensorganisation wendet.


Es geht in der Interpretation aber nicht nur um den Kampf der Giftmischerin gegen die traumatische Vernichtung der persönlichen Integrität, sondern auch um Chamissos Versuch, das Trauma einer radikalen gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzung und den damit verbundenen Überlebenskampf des Individuums darzustellen. Der Rückhalt der Persönlichkeit in der gesellschaftlichen und politischen Kultur erlebte im 19. Jahrhundert eine tiefgreifende Erschütterung und Chamisso hat in seiner Dichtung ein-
drückliche Zeugnisse dafür geschaffen, welche Verunsicherung, aber auch welch neues Selbstbewußtsein die Kulturkrise seiner Zeit in vielen Menschen ausgelöst hat. Die Be-
drohung der Person und die damit zusammenhängende radikale Veränderung seiner Wertvorstellungen kann seine Wurzeln also nicht nur in einem ausschließlich individuellen Schicksal haben, sondern auch in einer Krise der Gesellschaft und ihrer Kultur.


Die Giftmischerin (1828)

Dies hier der Block und dorten klafft die Gruft.
Laßt einmal noch mich atmen diese Luft,
Und meine Leichenrede selber halten.
Was schauet ihr mich an so grausenvoll?
Ich führte Krieg, wie jeder tut und soll,
    Gen feindliche Gewalten.
Ich tat nur eben, was ihr alle tut,
Nur besser; drum, begehret ihr mein Blut,
        So tut ihr gut.

Es sinnt Gewalt und List nur dies Geschlecht;
Was will, was soll, was heißet denn das Recht?
Hast du die Macht, du hast das Recht auf Erden.
Selbstsüchtig schuf der Stärkre das Gesetz,
Ein Schlächterbeil zugleich und Fangenetz
    Für Schwächere zu werden.
Der Herrschaft Zauber aber ist das Geld:
Ich weiß mir Bessres nichts auf dieser Welt,
        Als Gift und Geld.

Ich habe mich aus tiefer Schmach entrafft,
Vor Kindermärchen Ruhe mir geschafft,
Die Schrecken vor Gespenstern überwunden.
Das Gift erschleicht im Dunkeln Geld und Macht,
Ich hab es zum Genossen mir erdacht,
    Und hab es gut befunden.
Hinunter stieß ich in das Schattenreich
Mann, Brüder, Vater, und ich ward zugleich
        Geehrt und reich.

Drei Kinder waren annoch mir zur Last,
Drei Kinder meines Leibes; mir verhaßt,
Erschwerten sie mein Ziel mir zu erreichen.
Ich habe sie vergiftet, sie gesehn,
Zu mir um Hülfe rufend, untergehn,
    Bald stumme, kalte Leichen.
Ich hielt die Leichen lang auf meinem Schoß,
Und schien mir, sie betrachtend tränenlos,
        Erst stark und groß.

Nun frönt ich sicher heimlichem Genuß,
Mein Gift bewahrte mich vor Überdruß
Und ließ die Zeugen nach der Tat verschwinden.
Daß Lust am Gift, am Morden ich gewann,
Wer, was ich tat, erwägt und fassen kann,
    Der wird's begreiflich finden.
Ich teilte Gift wie milde Spenden aus,
Und weilte lüstern Auges, wo im Haus
        Der Tod hielt Schmaus.

Ich habe mich zu sicher nur geglaubt,
Und büß es billig mit dem eignen Haupt,
Daß ich der Vorsicht einmal mich begeben.
Den Fehl, den einen Fehl bereu ich nur,
Und gäbe, zu vertilgen dessen Spur,
    Wie viele eurer Leben!
Du, schlachte mich nun ab, es muß ja sein.
Ich blicke starr und fest vom Rabenstein
        Ins Nichts hinein.